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Florian Hassel in der Welt-Online

Griechenland steht schlechter da als vor der Krise

In ausführlichen Worten beschreibt Herr Hassel in der Welt-Online was es mit dem Schuldenschnitt auf sich hat. Selbst wenn alle beim freiwilligen Schuldenschitt mitziehen hat Griechenland immer noch mehr Schulden als Ende 2009. Hier gehts zum Beitrag…

 
 

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Handelsblatt-Chefredacteur,Gastov Steingart schreibt

Wenn ich ein Grieche wäre

for the English translation of this article, you can go here

28.10.2011, 11:19 Uhr

Den Schuldenschlamassel hat Griechenland selbst zu verantworten. Die Depression dieser Tage aber ist aus Brüssel, Berlin und Paris importiert. Ein Kommentar von Gabor Steingart.

Wer zu Gast bei Freunden war, will hinterher sagen können: Es war schön. Man habe sich wohlgefühlt und sei beeindruckt gewesen von dem, was man gehört und gesehen habe. Im Falle der Recherchereise nach Griechenland, die ein zwanzigköpfiges Handelsblatt-Team in dieser Woche unternahm um sich im Epizentrum der Krise zu informieren, ist ein solch wohliger Rückblick leider nicht möglich.

Sicher: Wir haben in den vergangenen Tagen mutige Unternehmer getroffen, die sich gegen die Krise stemmen. Eine Krise, die stärker ist als sie selbst. Wir haben tapfere Beamten in ihren zerschlissenen Büros besucht. Sie versuchen dem Anarchischen eine Ordnung zu geben. Wir sprachen mit Politikern, die sich der historischen Stunde bewusst sind, in die sie vom Schicksal hineingestellt wurden.

Aber der vorherrschende Eindruck war ein anderer: Wir haben ein erschöpftes Land vorgefunden. Ein Land, das doppelt leidet: Am selbstverschuldeten Schuldenschlamassel und an jener europäischen Rettungspolitik, die alles noch schlimmer macht. Die Bilanz der Helfer könnte trostloser kaum sein: Die Wirtschaftsleistung sinkt, die Arbeitslosigkeit steigt, die jungen Leute träumen von einem Leben im Ausland. Und: Das Staatsdefizit schießt durch die Decke als sei nichts gewesen.

Solche Schuldenberge wird man nicht durch Schrumpfung der Wirtschaftskraft los. Obwohl das Land das härteste Sparpaket in Gang setzte, das sich je ein westliches Land außerhalb von Kriegszeiten zumutete, stieg die Verschuldung seit Ende 2009 um 55 Milliarden Euro; gemessen an der Wirtschaftskraft legte sie von zuvor 127 Prozent der Wirtschaftskraft auf nunmehr 167 Prozent zu. Man kann sich keine Muskeln anhungern.

Wenn ich Grieche wäre, ich würde meinen Helfer wegen vorsätzlicher Körperverletzung verklagen. Und bei Einbruch der Dämmerung stünde ich mit den anderen auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament, um mein Missfallen über eine Krisenpolitik kundzutun, die krisenverschärfend wirkt.

Die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller. Der Schuldenschnitt, der gestern Nacht in Brüssel verabredet wurde, wird den Verfall Griechenlands bremsen, aber nicht stoppen. Er kommt vor allem anderthalb Jahre zu spät. Wenn man die Schulden damals halbiert hätte, würde das Defizit heute unter 100 Prozent der Wirtschaftskraft liegen. So aber bleibt Griechenland der Zutritt zum Kapitalmarkt auf absehbare Zeit versperrt.

„Erst hatten wir Typhus und nun hat man uns Krebs gespritzt.“

Hinzu kommt: Rund ein Drittel der Schuldtitel gehört den Griechen selbst, 74 Milliarden Euro ihren Banken und damit ihren Sparern, 26 Milliarden Euro ihren Sozialfonds und damit ihren Rentnern und Rentnerinnen. Die sind über Nacht spürbar ärmer geworden. Ich verstehe, warum Chryssanthos Lazarides, der Mann hinter dem konservativen Oppositionsführer Samaras, sagt: „Erst hatten wir Typhus und nun hat man uns Krebs gespritzt.“

Die in Griechenland angewandte Therapie erinnert an das, was der US-Bevollmächtigte Jeffrey Sachs und seine Chicago-Boys im Russland des Boris Jelzin ausprobierten: Hastige Deregulierung, Fließband-Privatisierung und Einschnitte im Staatshaushalt: Sie schufen jenen Wildwest-Kapitalismus, der die russische Gesellschaft bis heute in Milliardäre und Habenichtse spaltet. Sachs, der sich damals als „Dr. Schock“ einen Namen machte, hat sich bei den Russen später entschuldigt.

Die Rolle des Dr. Schock ist auf die vielen Griechenlandretter in Brüssel, Berlin und Paris übergegangen. Erneut sind Finanzartisten am Werk, die viel von Umschuldung, Kreditbeziehungen und Hebelwirkungen verstehen, aber wenig von der Kunst, eine Volkswirtschaft und die in ihr arbeitenden Menschen zu stimulieren. Die Nachfolger von Dr. Schock verbreiten Ohnmachtsgefühle, nicht Optimismus. Sie entziehen der Wirtschaft Geld, anstatt Investitionen zu ermöglichen. Sie drücken das Land von der Rezession in die Depression.

Wären wir mit unseren Brüdern und Schwestern in der DDR so verfahren wie mit den Griechen, die Menschen dort würden noch immer Trabant fahren und auf Bananen warten. Alles, was wir in der DDR richtig gemacht haben – der 100-prozentige Schuldenerlass für die Betriebe, die Anreizprogramme für den zunächst nicht vorhandenen Mittelstand, die stufenweise Anhebung der Löhne zur Schaffung von Kaufkraft, – machen wir in Griechenland falsch. Wer nicht sät, wird auch keine blühenden Landschaften hervorbringen.

Europa hat ein Abbau-Süd-Programm gestartet, dessen teuflische Wirkungen im Athener Stadtbild inzwischen nicht zu übersehen sind. Heroinsucht und Prostitution breiten sich aus, viele Geschäfte haben für immer ihre Rollläden heruntergelassen, aus den Fassaden zahlreicher Bankfilialen brachen Wutbürger die Marmorplatten heraus.

Gefährlicher aber ist das, was man nicht sieht. Wenn ich ein Grieche wäre, ich wäre bei den Wachsamen und Besorgten. Ich hätte ein Auge auf jenen Militärapparat, der das Land bis 1974 regierte, und womöglich auf die Chance zur Revanche lauert. Wir wissen aus vielen Ländern: Dr. Schock ist ein Feind der Demokratie.

http://www.handelsblatt.com/politik/international/wenn-ich-ein-grieche-waere/5764772.html

 
 

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